Aggression oder "Wann ist der Hund böse?" :: Hund + Umwelt

Aggression oder "Wann ist der Hund böse?"

von Liesel am 17. September 2009 11:29
Der Begriff Aggression wird in der Sprachverwendung meist im negativen Sinne benutzt, dabei ist die im Grunde der Motor jedes höheren Lebewesens. Die Aggression ist auch nicht gleichzusetzen mit aggressivem Verhalten, sondern kann sowohl der Auslöser dafür sein wie für genau das Gegenteil, der Passivität.

Positive, wünschenswerte Aggression beginnt als Arterhaltungstrieb. Paarung erfordert Aggression, menschlich ausgedrückt: die Hündin ziert sich, wehrt den Partner ab. Das ist gute Aggression, denn in der Natur paaren sich nur dominante, starke, gesunde Tiere. Der Rüde, der sich beeindrucken lässt und kneift, hat nicht für das nun folgen müssende Balzverhalten, in dessen Verlauf der Rüde letztlich über die Hündin dominiert in Form des Deckaktes, das nötige Triebverhalten, das auf Dominanzaggression beruht. Eine Hündin, die ihren Wurf erziehungstechnisch nicht im Griff hat, ihn nicht verteidigt gegen Eindringlinge von außen, hat nicht die nötige Aggression, um mit Instinktsicherheit den Wurf zu prägen. Eine andere Verhaltensweise, die durch Dominanzaggression ausgelöst wird, ist das Ignorieren. Dieses betont gleichgültige Verhalten eines ranghohen Hundes gegenüber einem aufmüpfigen Pöbler ist ein Ausdruck aufgestauter Aggression. Ein Vergleich zu uns Menschen: der muskelbepackte Schrank, der als Türsteher vor uns aufgebaut ist und uns mit verschränkten Armen von oben bis unten mustert. Der sagt nix, der tut nix, aber wir haben entweder Angst oder in uns brodelt unterschwellige Wut. Da er mental dominant ist, lassen wir uns jedoch schon auf keinen Kampf mehr ein und erfahren nie, ob er nicht doch weinend zu Mami läuft, wenn wir ihm gegen das Schienbein treten. Außer man ist seeeehr von sich überzeugt, also selbst ein Alpha, dann lassen wir es darauf ankommen, man kann sich ja immer noch unterwerfen.

Es gibt auch Aggressionen, die als vom Menschen gewünschte durch Selektion verstärkt oder umgeleitet wurden. Zwei Beispiele dazu: die Kampfhunde- und die Schutzhundezucht. Die Kampfhunderassen wurden damals durch züchterische Selektion in ihrem Aggressionsverhalten dahingehend umgeleitet, dass das soziale Verhalten auf den artfremden Sozialpartner Mensch besser prägbar war, während Aggressionsverhalten gegenüber Artgenossen verstärkt und natürliche Hemmschwellen wie Vermeidung von Beschädigungskämpfen, Kehlbisshemmung, Welpenschutz und Verteidigungsbereitschaft für eigene Nachkommen, teilweise bis vollständig weggezüchtet wurden. Zum Glück ist Kampfhundezucht schon seit Jahrzehnten verboten, die seit etlichen Jahrzehnten erfolgte Wandlung der Zuchtselektion bei den Hunderassen, die früher mal für Kampfhundezucht missbrauchen, hat zum Erfolg geführt, aber bei einzelnen Exemplaren tritt auch heute noch das alte Kampfhundeerbe in Erscheinung. Diese Hunde fallen allerdings aus der Zucht dank der praktizierten heutigen Selektion auf Wesen.
In der Schutzhundezucht wurde durch Auswahl der Beutetrieb verstärkt und gleichzeitig der Fluchttrieb reduziert, was zu einer Potenzierung der Beuteaggression und der Verteidigungsbereitschaft führte, bei gleichbleibendem Meutetriebverhalten. Die Beuteaggression ist das, was Diensthunde im Grunde von Jagdhunden unterscheidet, denn diese haben einen gleichen bis höheren Beutetrieb, aber zurückgezüchtete Beuteaggression macht es dem Menschen möglich, die Beute auf den eigenen Teller zu bringen.

Diese beiden Beispiele zeigen, das Aggressionszucht im Prinzip sogar gut für die Umwelt ist, denn mit ihr erfolgt eine umso höhere Toleranz zum Sozialpartner Mensch. Erst durch falschen Umgang, schlechte Haltung oder gar Misshandlung/Missbrauch kann sich diese angezüchtete, erwünschte Aggression in ein unerwünschtes aggressives Verhalten wandeln.

Dann gibt es noch Verhaltensweisen, die eigentlich gar nicht in der Natur liegen, eher sich durch Evolution und menschlichen Einfluss entwickelt haben und umgangssprachlich "Angstaggression" und "Leinenaggression". Diese beiden Fälle kann man durchaus "negative, unerwünschte Aggression" nennen, meiner Meinung nach sind sie keine Aggressionen. Es sind nur unerwünschte aggressive Verhaltensweisen, die durch Unterdrückung des natürlichen Triebverhaltens und Trieblebens zum Ausdruck kommen.

Fazit: alles was unsere Hunde an Verhalten an den Tag legen, ist der Verdienst oder die Schuld des Menschens, egal wie man es dreht und wendet. Aggression ist weder schlecht noch falsch noch unerwünscht, schlecht und falsch und unerwünscht kann nur das Verhalten sein, das durch unseren Umgang mit den Aggressionen des Hundes verursacht wird.

Der Fehler hängt immer an der Schlaufe der Leine, nie am Haken grinning smiley

LG, Liesel

von Annegret am 17. September 2009 15:32
Hallo,
mein Donner kann keine Kinder leiden- ich weiß nicht wieso, denn als Welpe wurde er garantiert nicht geärgert oder so..
Wenn er welche sieht gehts noch, aber er wird unruhig. Wenn diese dann irgendwie kreischen, oder weinen fängt er meißtens an zu knurren und zu bellen. Wenn sie dann aber noch mit den Armen fuchteln, oder springen muss ich echt aufpassen. Er hat auch schon einmal ein Kind gebissen aber das war eine ganz, ganz dumme Situation; die Mutter hatte nicht aufgepasst und das fremde Kind ist in unseren Garten gegangen wo unsere Hunde waren (Wir haben den Prozess zum Glück gewonnen).
Aber Donner hat sich schon vorher Kindern gegenüber so verhalten. Je kleiner sie sind, desto schlimmer benimmt er sich..
Weißt du warum er sowas macht und woher das kommen könnte und -vorallem- was kann ich dagegen machen??
liebe Grüße Annegret

von Liesel am 17. September 2009 18:00
Guten Abend, Annegret!

Eine Ferndiagnose zu stellen, ohne die Details in der Körperhaltung und Mimik genau zu sehen, fällt mir sehr schwer. Im Hinblick auf seine Geschichte fällt mir als allererste Erklärung ein, dass ihm durch die allzufrühe Trennung die Prägung der Mutter fehlt und dadurch gewisse Verhaltensauffälligkeiten als Folgeerscheinung auftreten. Möglicherweise hast du durch dein Verhalten unbewusst und ungewollt dieses Verhalten im Laufe der Zeit bestätigt und verstärkt.

Du wirst ihn nie zu einem Kinderkumpel umpolen können, die einzige Chance ist, ihm konsequent ein neutrales Ersatzverhalten anzutrainieren. Dazu kannst du dir aber keine Tipps im Internet holen und es im Alleingang versuchen, dazu brauchst du professionelle Hilfe von einem Hundeverhaltenstherapeuten. Wo du einen seriösen findest, das kannst du wohl im Internet erfahren, ich kenne eine Therapeutin in Dülmen, die sehr gut und sehr ehrlich ist.

LG, Liesel

von Annegret am 17. September 2009 19:41
Mh, ok. Ich werd mirs mal durch den Kopf gehn lassen..
Danke dir,
liebe Grüße Annegret

von Sciuba am 18. September 2009 14:24
Hallo Liesel,

mit deinem ersten Satz in diesem Thread sprichst du mir aus dem Herzen. Hatte neulich ja einmal gesagt, dass ich finde, kleine Hunde sind aggressiver, und habe da prompt einen heftig auf die Mütze bekommen. Dabei meinte ich es positiv und nicht negativ. Naja..

Ansonsten finde ich deine Aggressionsbeschreibung klasse. Sie trifft es aufs Genaueste - besonders der letzte Satz. Ich denke, dass Tiere so sind wie ihr 'Halter' bzw. menschliche Partner. Was mich stolz macht auf mich selber, denn meine Tiere sind alle extrem aggressionslos (im negativen Sinne), sehr mutig und selbstständig und ausgesprochen sozial. Alles gute Eigenschaften würd ich mal sagen. Vielleicht färbt mein ausgeglichenes Wesen ab.. wer weiß.

Liebe Grüße

Heidi

von Liesel am 18. September 2009 20:36
Durchaus möglich, Heidi!

Wenn du mit Souveränität durchs Leben gehst, strahlst du diese sicher auch auf den Hund aus, besonders auf einen jungen Hund, der sich anfangs noch an uns orientiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich damals Prüfungen gelaufen bin mit mittelmäßig ausgebildeten Hunden, da hat mich die Prüfungsangst halb umgebracht. Entsprechend haben sich auch die Hunde benommen, obwohl ich äußerlich gut geschauspielert habe.

Hunde sind gute Menschenkenner, die durchschauen uns, sie sind wandelnde Lügendetektoren.

Sind wir unsicher, merken sie es. Mögen wir unsere Nachbarn nicht, merken sie es auch. Jagt uns eine Situation Angst ein, merken sie es erst recht. Logisch, dass wenn wir "cool" bleiben im Alltag, diese Coolness auch oft auf die Hunde übertragen wird, wenn...

(ja wenn das Wörtchen wenn nicht wär...)

...die Hund-Mensch-Beziehung intakt und von Vertrauen geprägt ist!

LG
Liesel

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