Haufenweise Beschwichtigungssignale :: Hundeerziehung + Soziales

Haufenweise Beschwichtigungssignale

von Sonja(YCH) am 03. Februar 2003 16:55

Hallo,
wenn ich meine Hündin beobachte, sendet sie sehr oft Beschwichtigungssignale. Häufiges Gähnen (z. B. wenn wir los wollen zum Spazieren gehen), Kopfwegdrehen (z.B. beim Knuddeln), Trödeln, Schnautze lecken, ... Was hat das denn zu bedeuten? Ist sie ständig im Stress und weiß nicht was sie tun soll? Wir haben von Anfang an sehr viel mit ihr geübt. Kann es sein, dass sie zu unselbständig ist? Komisch ist auch , dass sie die Calming Signals hauptsächlich gegenüber Menschen aussendet. Bei fremden Hunden ist sie nicht sehr diplomatisch. Wie reagiert man nun auf diese Signale? Soll ich sie dann immer gleich in Ruhe lassen? Aber dann könnte ich ja fast keinen Kontakt mit ihr aufnehmen.
Fragende Grüße
Sonja



von Nina(YCH) am 03. Februar 2003 17:22

Hi,

ich kenne das Problem von meiner Hündin. An einigen Tagen kommt sie z.B. sofort auf meinen Ruf zurück, am nächsten Tag schnuppert sie erst mal am Rand, muss dringend pinkeln, kommt danach nur so angetrottet.
Hmpf.
Ich glaube irgendwie, dass ich für sie anders klingen muss, also von meiner Stimmungslage her, aber eigentlich bin ich vorher ja nicht genervt, also hätte sie auch kein Grund so "gestresst" zu sein.
Ich achte jetzt aber drauf, dass ich immer gleich freundlich klinge, wenn ich merke, dass sie beschwichtigt (ich glaube, dass es das ist, denn sie darf etwa 80% des Spazierganges Schnuppern und ich glaube auch nicth, dass gerade wenn ich rufe, ZUFÄLLIG dann was super-interessantes am Boden ist), also wenn sie nur damit anfängt, dann geh ich in die Hocke, klatsche in die Hände, renne weg, freue mich wenn sie kommt und tue alles, damit sie keinen Stress haben muss.
Halt wie bei nem Welpen, dem man das "kommen" beibringt.
Dann gibts immer Leckerchen und Spiel, danach darf sie sofort wieder weg.

Glaubst du, dass ich dadurch, dass ich diese Situation praktisch "belobe" es herausfordere, dass sie auch in Zukunft langsamer kommt? Ansonsten gibts nämlich nur für schnelles Kommen ein Lob, aber in so einer Situation.... *seufz*

Weiß auch nicth so genau, wie ich reagieren soll.
ich lese so viel darüber, aber meist steht nur da, was Calming Signals überhaupt sind, nicht, wie man reagieren soll.

VG,
Nina

von Inge + BC(YCH) am 04. Februar 2003 00:05

Hallo Sonja,

irgenwann gab's mal einen Bericht über ein Wolfsrudel. Da konnte man deutlich sehen, dass die rangniederen Tiere gegenüber den ranghöheren bei jeder, wirklich JEDER, Aktion Calming Signals zeigten. Manchmal sehr deutlich, manchmal musste man genau hingucken. Ich habe daraufhin mal die diversen Hunderudel beobachtet, wie die das so untereinander machen. Und siehe da: genauso! Allerdings weniger deutlich ausgeprägt. Da wird bei der Begrüßung beschwichtigt, aber auch bei jedem weiteren Kontakt untereinander. Lediglich wenn die Hunde beim Spaziergang so nebeneinander herlaufen, OHNE sich dabei anzusehen, geht's ohne Calming Signals. Ansonsten: viele, viele CS, auch ein Großteil des freien Spiels beinhaltet CS. Man muss nur mal genau hinschauen, wie oft Hunde den Blick abwenden, wenn sie direkt neben einem anderen Hund stehen. Wie sie Bögen laufen, bei der Begegnung. Sich zur Spielaufforderung abducken - und, und, und.

So halten sie es dann letztlich auch bei der Kommunikation mit uns Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass sie dann keinen Kontakt wünschen - gut sozialisierte Hunde lieben ja auch den Kontakt zu Artgenossen, auch wenn sie dabei ständig Signals aussenden. Unsere Reaktion darauf sollte von der Situation, der Art des CS und dessen Stärke abhängen. Meine ältere Hündin z.B., ein recht selbstbewußtes Tier, mag - wie viele relativ ranghohe Hunde - nicht so gerne körperliche Nähe. Wenn ich sie knuddele, gähnt sie manchmal SEEEHHHHR deutlich. Das respektiere ich dann. Zu anderen Zeiten ist sie aber auch mal "schmusiger" gestimmt. Sie gähnt dann zwar auch, aber nur kurz und mehr angedeutet. Dann nehme ich mir mein "Recht" als Ranghöhere heraus und knuddel sie - was sie dann meistens mit einem halb wohligen, halb resignierenden Seufzer über sich ergehen lässt *grins*. So nach dem Motto "na, wenn's denn sein muss..."

Calming Signals werden grundsätzlich in Konfliktsituationen gezeigt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Konflikt nicht unbedingt immer etwas Negatives ist. Ein typisches menschliches Calming Signal ist z.B. das Lächeln. Wir lächeln, wenn uns etwas peinlich ist oder wir und entschuldigen wollen - aber eben auch, wenn wir uns sehr freuen. Wenn es z.B. zum Spaziergang geht und der Hund sich darauf freut, aber es mal wieder so ewig lange dauert, bis Frauchen angezogen ist, dann ist das eine typische Konfliktsituation: der Hund möchte etwas, aber kann es nicht sofort erreichen. Also gähnt er. Andererseits kann dahinter auch stecken, dass er Angst vor dem Spaziergang hat, weil er vielleicht umweltunsicher ist etc. Daran kann man schon sehen, dass Calming Signals in ein und derselben Situation etwas ganz Verschiedenes bedeuten können. Anderes Beispiel: der Hund trödelt nach dem Heranrufen. Möglichkeit 1: er hat Angst vor dem Halter. Andere Möglichkeit: er hatte gerade etwas "ganz Dringendes" vor, z.B. an etwas Interessantem Schnuppern, und muss dies nun abbrechen, um dem Befehl Folge zu leisten. Schon hat er wieder einen Konflikt.

Mit anderen Worten: versuche, Deinen Hund "zu lesen", aber überbewerte die Bedeutung der CS nicht!

Gruß
Inge + BC

von josh(YCH) am 04. Februar 2003 08:04

Hi,
Hunde calmen, vor allmen Rangniedere gegen Ranghöhere fast bei jeder Interaktion. Generell dienen die Signals auch dazu, Spannung und Streß abzubauen oder einzudämmen - dabei muß Streß aber nicht negativ sein, ganz im Gegenteil. Streß ist positiv, wenn Du Deinen Hund zum rausgehen aufforderst, und er sich zu freuen beginnt und fast ausflippt (mein Hund calmt dabei permanent), positiver Streß ist auch die Spannung vor dem Start bei Agility oder sonst beim Apport etc. Kann natürlich immer umschlagen, bei meinem Hund eher ins Meiden, bei sehr selbstbewußten auch andersrum (aber ziemlich selten). Passiert aber eher sehr selten.
Wirklich "beschwichtigen" im Sinne von "Ärger Dich nicht, reg Dich ab, entspann Dich" will uns ein Hund wohl eher beim ärgerlichen Ranrufen und er kommt trödelig und in Schlangenlinien & züngelnd oder oder oder...
Fazit: Calmen heißt nicht immer "Ärger Dich nicht, beruhige Dich", sondern ist oft auch mehr an den Hund von ihm selbst an sich selbst gerichtet und verhindert ein "Kippen" der Situatio vom positiven in den negativen Streß.

Lieben Gruß
josh

von Martin + Mirko(YCH) am 04. Februar 2003 08:17

Grüß Dich Inge,

einfach mal so dazwischen gemogelt smiling smiley

Josh und du beschreiben das so schön. Calming signale habe sehr viele bedeutungen, so wie unsere höflichkeitsgesten und floskeln, die den gleichen zweck haben, die kommunikation möglichst konfliktarm zu gestalten und wenn konflikte auftreten (was ebenfalls unvermeidbar ist), dann sollen sie effektiv gelöst werden.
Die katalogisierung "calming" und "konfliktanzeige" dient ja zuallererst einmal unserem veständnis und unserer verständigung miteinander. Da können schon noch andere nuancen dabei sein.
Auch dass stress zum leben gehört und zwar zur positiven gestaltung, ist inzwischen wohl unbestritten. Nur bei manchen hundlern darf der hund plötzlich überhaupt keine stressreaktionen mehr zeigen. Dann kann er m.e. auch kein konfliklöseverhalten lernen.
Natürlich hat stress sehr verschiedene seiten, die es zu beachten gilt, aber ihn generell zu vermeiden versuchen, halte ich für verfehlt.

tschüß Martin & Mirko





von eve(YCH) am 04. Februar 2003 08:35


Hallo Inge !
Bravo ! Treffender kann man's kaum erklären.

LG Eve

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