Frage an Briard-Jutta :: Hundeerziehung + Soziales

Frage an Briard-Jutta

von Bärbel(YCH) am 09. Januar 1999 16:31


Liebe Jutta,
ich lese sehr gern Deine Ratschläge, denn für mich ist das alles einleuchtend und nachvollziehbar. Du hast ja eine Wahnsinnskenntnis von Hunden.

Vielleicht kannst Du mir - für meine Tante - auch einen Rat geben (meine Tante hat kein Internet).

Vor ca. drei Jahren habe ich einen Entlebucher Sennenhund in Niederbayern gekauft. Absoluter Laie und habe natürlich genau das gemacht, wovor immer wieder abgeraten wurde: einen total verstörten Hund aus Mitleid gekauft.

Die Hündin war damals (angeblich) 8 Wochen alt und lebte von ihren (angeblichen) Geschwistern getrennt: Welpen befanden sich in einem Schuppen, vor dem Schuppen vegetierte die Hündin vor sich hin. Auf meine Frage warum, bekam ich die Antwort: die Geschwister würden sie verbeißen. Die "Züchterin" demonstrierte das auch, indem sie die Hündin in den Verschlag zu den anderen tat und aus allen Ecken stürzten sich alle auf die Kleine und bissen nach ihr.

"Sie mögen sie nicht", war die lapidare Antwort darauf.

Die Hündin hatte extreme Angst vor mir, versuchte sich zu verkriechen und ich schmolz vor lauter Mitleid dahin. Meiner Tochter sagte ich damals, daß wir DIESE Hündin nehmen müssen, sonst gänge sie dort kaputt (bin ich nach wie vor überzeugt, daß die nicht lange dort gelebt hätte).

Also kauften wir sie für 1200,00. Wir mussten sie ins Auto tragen, denn laufen wollte sie vor lauter Angst nicht. Bereits nach Hause - nach Frankfurt - machte sie das Auto mit Durchfall voll....

Am nächsten Tag zum Tierarzt: Flöhe, Würmer, Milben waren die äußerlichen Anzeichen. Schwere psychische Störungen die seelischen.

Nach monatelanger Behandlung wurde der Hund organisch wieder stabil. Den Durchfall bekamen wir weg, doch die psychischen Probleme blieben. Ich war total überfordert. "Sandy" hatte Angst vor allem. Wir konnten nicht mir ihr Gassi gehen (sie verkroch sich sofort unter dem ersten Auto und musste regelrecht mit Gewalt wieder rausgezogen werden). Stöcke, Hände, Regenschirme, Laubrechen - alles verursachte totale Panik. Vor jedem Menschen hatte Sandy Angst.

Meine Tante übernahm den Hund, da sie jahrelange Hundeerfahrung hatte, ein großes Grundstück mit Garten und Wald und sie bekam Sandy einigermaßen hin. Aus ihr wurde ein fröhlicher Hund. Das ist nun drei Jahre her, doch die Panik vor erhobenen Händen, Stöcken und Regenschirmen ist geblieben, obwohl Sandy noch nie, seit ich sie von ihrer Züchterin weggeholt hatte, geschlagen wurde, oder daß sie bei uns schlechte Erfahrungen machen musste. In der Hundeschule klappte es auch nicht besonders, so daß meine Tante diesen Versuch bald wieder aufgab.

Es ist mir ein Rätsel, daß es nicht zu schaffen ist, daß der Hund nicht erkennt, daß es ihm doch immer gut geht, und er nicht gequält wird. Wir vermuten, daß Sandy bei ihrer Züchterin geschlagen wurde, doch das ist schon so lange her. Kann das ein Hund jemals vergessen?

Sandy muß nun auch seit ca. einem Jahr Cordison erhalten, da sie sich - ohne diese Tabletten - bis aufs rohe Fleisch blutig kratzt. Eonisophiles Granulom ist ausgeschlossen durch Blutbild. Kein Mensch, auch der Tierarzt, weiß, woher das kommt. Durch das Cordison ist der Hund natürlich furchtbar dick, doch sobald es abgesetzt wird, fängt die Kratzerei wieder an.

Weißt Du vielleicht einen Rat? Kann man Sandy ihre Ängstlichkeit überhaupt noch abgewöhnen?

Wenn ich jetzt den Unterschied zu unserem Felix sehe - es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ich weiß, ich hätte Sandy damals nicht kaufen dürfen, doch auf der anderen Seite, glaube ich, haben wir ihr damit das Leben gerettet.

Kurz möchte ich noch erwähnen, daß ich diese Züchterin damals auf alle Tierarztkosten verklagt habe. Nach 1 1/2 Jahren habe ich den Prozeß gewonnen. Wenigstens wurde sie dafür bestraft. Ich habe damals eine Anzeige in Hundezeitschriften gemacht, indem ich um Erfahrungen mit diesem Zwinger gebeten hatte: ich erhielt Nachrichten aus ganz Deutschland, wo man bestätigte, dort verhaltensgestörte und kranke Hunde gekauft zu haben, doch da die Züchterin auf Schreiben nicht reagiert hatte, hatte man nichts weiter unternommen.

Und wenn ich heute noch in Zeitschriften lese: BESTE und LIEBEVOLLE Aufzucht, wird mir schlecht. Die züchtet immer noch Sennenhunde und keiner kann etwas dagegen tun.

Für alle, die es interessiert: Die Züchterin heißt Kirchner und hat den Zwingernamen: vom Marterrain. Sie züchtete alle Sennenhunde. Rottweiler und Retriever sahen wir dort auch.

Liebe Grüße Bärbel

von Briard-Jutta(YCH) am 10. Januar 1999 11:12

Liebe Bärbel,

leider ist diese Hündin wieder einmal ein tragisches Beispiel dafür, in welchem Umfang sich eine Fehlprägung lebenslang auswirkt. Inwieweit in diesem Fall genetische Faktoren eine Rolle spielen, kann ich nicht beurteilen, jedoch ist sicher, daß an den Welpen in der Prägezeit alles schief gelaufen ist, was man sich nur denken kann.

Ich befürchte, daß auch in der Zeit, wo Du die Hündin hattest - und die bis ca. zur 16. Woche ebenfalls noch Prägezeit war - bestimmte Störungen noch verstärkt wurden. Mit einem "Angstwelpen" umzugehen, ist eine äußerst komplizierte Sache, da man sich auf sehr dünnem Eis bewegt: Auf der einen Seite muß man möglichst alles vermeiden, was den Welpen zusätzlich in Panik versetzt, auf der anderen muß jede Belohnung der Angst vermieden werden. Besonders das Letztere ist extrem schwierig, weil das Mitleid mit dem verstörten Welpen oft bedingt, daß man ihn tröstet, wenn er mal wieder zitternd und/oder schreiend in irgendeiner Ecke sitzt.

Du schreibst, daß die Hündin insgesamt inszwischen einen guten Eindruck macht. Ich denke, daß das unter den gegebenen Umständen bereits ein großer Erfolg ist. Die Reaktionen auf bestimmte Dinge, wie Regenschirme etc. werden allerdings vermutlich bleiben. Prägeschäden sind immer lebenslang ausschlaggebend und bestenfalls zu mindern, aber niemals zu löschen. Ihr könnt versuchen, eine Minderung zu erreichen, indem Ihr gezielt am Angstabbau arbeitet. Denkbar für mich wäre eine Arbeit über Beutespiele, bei der zunächst mit einem Gegenstand gearbeitet wird, der keine Angst auslöst (z.B. eine weiche Beißwurst). Wird diese freudig akzeptiert zum Rumtragen, Zerren, Bringen, könnt Ihr versuchen, sie durch ein kleines Stöckchen zu ersetzen. Klappt auch das, können die Stöcke nach und nach größer werden. Das Werfen der Beute sollte dabei zunächst immer aus der Hocke erfolgen und mit einer möglichst geringen Armbewegung ausgeführt werden, da die Hündin ja auch Angst vor herumfuchtelnden Händen hat. Stell Dir beim Werfen vor, Du wirfst einem sitzenden Kleinkind den Gegenstand zum Auffangen zu, dann hast Du in etwa den richtigen Ansatz. Reagiert die Hündin trotzdem mit Angst, dann solltet Ihr es lassen. Der einzige Weg, der Hündin die Angst zu mindern, ist dann, möglichst alle Situationen zu meiden, in denen sie ängstlich reagiert. Helfen könnt Ihr zusätzlich, indem Ihr in jeder Angstsituation das Verhalten der Hündin absolut ignoriert. Damit bestärkt Ihr sie nicht noch zusätzlich in ihrem Verständnis von Gefahr. Erkennt Ihr eine potentielle Angstsituation vor der Hündin, dann versucht sie möglichst freudig motivierend rechtzeitig abzulenken.

Was die Cortison-Therapie betrifft: Psychische Störungen als Ursache scheinen mir sehr wahrscheinlich zu sein. Damit wäre die Behandlung mit Cortison lediglich ein Herumdoktern an Symptomen. Mein Vorschlag wäre, die Hündin einem guten Tierheilpraktiker vorzustellen. Möglicherweise findet er einen Ansatz, mit homöopathischer Unterstützung eine bestimmte Verhaltenstherapie durchzuführen. Ohne die Hündin und ihr jetziges Lebensumfeld zu kennen, ist es mir leider völlig unmöglich, gezielte Tips in dieser Richtung zu geben.

Ist sie denn bewegungsmäßig und geistig ausgelastet? Bestimmte Formen der Selbstbeschädigung (zu denen das Kratzen gehören KÖNNTE) haben ihre Ursache darin, daß der Hund einen Mangel an Zuwendung und/oder körperlich-geistiger Auslastung hat. Hunde, die viel allein sein müssen, zeigen ein solches Verhalten oft ebenso, wie Hunde, denen eine Aufgabe fehlt. "Nur" spazieren gehen (oder am Rad laufen...), ist oft zuwenig. Auch das Gehirn eines Hundes muß beschäftigt werden. Ihr könntet der Hündin Kunststückchen beibringen, mit ihr Fährtenarbeit machen etc. Natürlich unbedingt etwas, bei dem sie nicht mit Angst reagiert.

Liebe Grüße,
Jutta

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